Macht Masturbieren müde?
Dass Sex müde macht, scheint allgemein bekannt zu sein. Gerade Frauen klagen immer wieder über die plötzlich eintretende Schläfrigkeit ihres Partners nach dem Geschlechtsverkehr. Auch masturbieren viele Menschen nach dem Zubettgehen, weil sie der entspannenden Wirkung des Orgasmus eine schlafinduzierende Wirkung beimessen. Doch wirkt der Orgasmus tatsächlich schlaffördernd? Und ist dieser Effekt bei Männern stärker als bei Frauen?
Klarheit schafft hier eine Studie von Brissette et al. (1985). Die kanadischen Wissenschaftler untersuchten systematisch mögliche Auswirkungen abendlicher Masturbation auf Einschlafzeit und Schlafstruktur. Dazu verbrachten je fünf junge Männer und Frauen vier aufeinanderfolgende Nächte im Schlaflabor der Universität Montréal. Neben den einzelnen Schlafphasen wurden zusätzlich Puls und Atemfrequenz aufgezeichnet. Der genaue Zeitpunkt des Orgasmus wurde mit Hilfe einer Analsonde bestimmt. Die erste Nacht diente zur Gewöhnung der Probanden an die verschiedenen Messeinrichtungen und wurde nicht in die Studie eingeschlossen. In der zweiten Nacht hatten die Teilnehmer zunächst 15 min zu lesen. Anschließend wurde die Analsonde entfernt und das Licht gelöscht. In der folgenden Nacht mussten sich die Teilnehmer über 15 min sexuell stimulieren ohne dabei jedoch den Orgasmus zu erreichen. Und in der letzten Nacht sollten die Probanden ebenflalls mindestens 15 min lang masturbieren aber anschließend zum Orgasmus kommen.
Das verblüffende Ergebis der Studie: Keine signifikanten Unterschiede zwischen den drei Nächten und das unabhängig vom Geschlecht der Teilnehmer! Masturbieren vor dem Zubettgehen, ganz gleich ob mit Orgasmus oder ohne, hat keinen Einfluss auf den nächtlichen Schlaf. Der Orgasmus besitzt also keine schlaffördernde Wirkung. Trotzdem kann es natürlich nach ausgedehnter sexueller Aktivität zu Ermüdungserscheinungen und Schläfrigkeit kommen. Dies liegt nicht zuletzt an den physiologischen und psychologischen Unterschieden zwischen den durch Geschlechtsverkehr und Masturbation erlangten Orgasmen. Denkbar wäre auch, dass eine möglicherweise vorhandene schlaffördernde Wirkung des Orgasmus durch die Wahl von Lesen als Kontrollaktivität verdeckt worden ist, da Lesen selbst eine schlafinduzierende Wirkung besitzt. Eine etwas vorsichtigere Schlussfolgerung wäre daher, dass Masturbieren nicht stärker müde macht als 15 min Zeitung lesen.
Literatur:
S. Brissette, J. Montplaisir, R. Godbout & P. Lavoisier: Sexual activity and sleep in humans. Biol.Psychiatry 20 (7), 758-763 (1985). doi:10.1016/0006-3223(85)90155-6